Artikel: Sexualität

in: Wörterbuch der Soziologie, hgb. von Günter Endruweit/Gisela Trommsdorff, 2. neubearbeitete Auflage, Stuttgart (Lucius & Lucius), S. 473-475, 2002.

 

1. Begriff

S. (engl. sexuality) ist eine kommunikative Beziehung, bei der Akteure Gefühle erleben, die eine genitale Lust zum Zentrum haben, ohne sich darauf zu beschränken. Für das sexuelle Erleben ist ein Organismus weder notwendige noch hinreichende Bedingung, und extragenital fest- gemachte Emotionen gehören dazu. Sexuelles Handeln bezieht sich immer auf Körperliches, und auf der Grund- lage genitaler Reagibilität konstituieren weitere Sinn- bezüge den Aufbau einer sexuellen Situation. Die Kommunikation mag sich an ein bestimmtes Gegenüber (an- wesend oder erinnert) richten, auch an einen verall- gemeinerten oder phantasierten Partner oder sogar an sich selbst. Als Sammelbezeichnung für äußerst komplexe soziale Vorgänge wird S. seit Beginn des 19. Jh. ver- wendet. Zwar zeigen sich Fachsprache und Alltagswissen zur S. einem verengten Biologismus verpflichtet. Doch ist S. durch und durch soziokulturell geprägt. Wegen der anthropologischen Sonderstellung (H. Plessner, A. Gehlen) muss der Begriff S. für menschliche Akteure reserviert werden.

 

2. Geschichte der Sexualsoziologie

 

Die Soziologie, traditionell an Fragen der Ordnung und Rationalität interessiert, hat sich dem Thema S. zögernd genähert. Bei M. Weber finden sich nur kürzere Passagen, die ein wachsendes Verständnis verraten. Bei G. Simmel streuen Bemerkungen zum Komplex Liebe-Erotik- Sexualität über das gesamte Werk; sie könnten zu einer Systematik zusammengefügt werden, die als historisch erste Soziologie der S. zu gelten hätte. T. Parsons und N. Luhmann haben den Komplex in ihre Theorieentwürfe systematisch eingebaut. Gegenwärtig kommen ge- wichtige Theoriebeiträge aus Frankreich (P. Bourdieu), England (A. Giddens, K. Plummer, J. Weeks, Z. Bauman) und den USA (J.H. Gagnon, W. Simon, G. Herdt).

 

3. Mikrosoziale Analyse der S.

 

Mehr noch als die neue Prominenz des Körpers in der allgemeinen Soziologie zwingt eine Betrachtung der sexuellen Interaktion zu dem Schluss: Der Körper handelt. In jeder Kultur verschmelzen Körperbilder, Moral und somatische Tatsachen zur Wirklichkeit der Sexualität. Der Körper gestaltet nicht bloß als ein chemisch- physikalischer Komplex die sexuelle Situation, sondern in interpretierter Weise. Wie er eingesetzt, gesehen und erlebt wird, das ergibt sich aus den Prinzipien, mit dem Anwesende ihre Wahrnehmungen organisieren – also aus seiner Rahmung.

 

Als soziosexuelle Rahmen figurieren: Erotik, Körperkonzept, Geschlechterdifferenz, Lebensalter und Generationendifferenz sowie Gesundheitsstatus. Im Vieleck dieser Dimensionen kommt sexuelle Interaktion zustande. Anders gesagt, entlang jener dimensionalen Linien haben sich in unserer Gesellschaft die Formen sexuellen Handelns ausdifferenziert. Soziologisch lassen sich mit diesem Konzept alle aktuellen Fragen zur S. diskutieren, beispielsweise: die Maschinen-Analogie im Sexual- denken; die Aufteilung des Körpers in unterschiedlich erotisierte Zonen; die Kritik an Androzentrismus und Hierarchie in der S.; die Unterschiede der Lebensalter (Problemphasen sind Kindheit, Jugend und Alter); die Überschreitung von Generationengrenzen; Störungssymptome und Therapiebetrieb.

 

Fragen zur erotischen Sensation gehören in die Soziologie der Emotion. Ausstrahlung und Anziehung bilden einen sozialen Vorgang, des öfteren untersucht anhand einer Inhaltsanalyse von Heiratsanzeigen. Der männliche Blick auf Kurvenlineatur und Brüste bestimmt die weibliche Attraktivität, ein Trend zur Athletisierung die männliche Attraktivität. Die Genitalien werden kulturell interpretiert, und durch Symbolisierung erhalten sie ihren lustbe- zogenen Akzent. Das geschlechtliche Handeln lässt sich mit Begriffen wie Sexualform und Skript präzise strukturieren; es wird so in seiner Vielfalt übersichtlich. Die sexuelle Interaktion wird durch ein von M.S. Davis entwickeltes Phasenmodell phänomenologisch aufgegliedert: Annäherung, Verführung, Geschlechtsverkehr. Alle genannten Konzepte erlauben eine umfassende handlungs- theoretische Analyse der S.

 

4. Makrosoziale Analyse der S.

 

Das sexuelle Geschehen ist in allen Kulturen ein Gegenstand der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit, der Institutionalisierung und der sozialen Kontrolle. Für Ökonomie und Politik bleibt S. ein Randthema. In der Kultur indessen bekleidet sie einen zentralen Platz, und von hier aus wird die gesellschaftliche Organisation der S. bestimmt. Eine sozialstrukturelle Analyse der S. wird daher bei der Sexualkultur ansetzen.

 

N. Elias hat in seiner Theorie des Zivilisationsprozesses hierzu den ersten richtungweisenden Beitrag geliefert. Für die mitteleuropäische Gesellschaft stellt er seit dem Mittelalter einen Prozess der Formalisierung fest, eine fortschreitende Verschärfung der Codes für Verhalten und Gefühl. Dabei hat Elias stets auch die Intimsphäre der Menschen im Auge und verfolgt einzelne Sexualformen, persönliche Beziehungen und Umstände des Privatlebens. Für das 20. Jhdt. wird gegenläufig ein Prozess der Informalisierung vermerkt (C. Wouters) und in die Zivilisationstheorie eingebaut. Analog ist die viel diskutierte Individualisierung (U. Beck/E. Beck- Gernsheim) als gegenwärtig auffälligste Veränderung der S. zu würdigen.

 

Überaus anregend wirken die historisch-sozialphilosophischen Analysen von M. Foucault. Anfänglich sieht er in der S. ein „Dispositiv der Macht"; mittels einer Biotechnologie werde der Mensch vollkommen der Kontrolle zugänglich gemacht. Später fragt er nach dem Menschen als einem moralischen Subjekt, soziologisch gesprochen: nach den Bedingungen, unter denen in einer Sexualkultur gehandelt werden kann. Ausgehend von den Sexualkulturen der griechischen und römischen Antike entwirft Foucault ein Analyseschema, welches auf die nachfolgenden Epochen angewandt werden kann und die Entwicklung der gesellschaftlichen Problematisierung von S. transparent zu machen vermag.

 

Nur weniges an der Sexualkultur kann als universell gegeben gelten. Sexualvollzüge wie Geschlechtsverkehr, Selbstbefriedigung oder gekaufte Dienstleistung kommen zwar in den unterschiedlichsten Gesellschaften vor, teilen jedoch allein die äußeren Verhaltensmerkmale, nicht aber Bedeutung, Regulierung und Konflikte. Allein das Inzestverbot besteht den interkulturellen Falsifikationstest als gesellschaftliche Universalie und ist damit zum soziologisch meistuntersuchten Bereich der S. avanciert. Bislang konnte noch jedes der (seltenen) Gegenbeispiele so interpretiert werden, dass es mit einer Theorie des Inzesttabus übereinstimmt: Was immer als Ausnahme erscheint, erfüllt in der betreffenden Gesellschaft dieselbe Funktion wie das Verbot sonst. Die soziologische Theoriebildung begann 1898 bei E. Durkheim. Zuletzt begründete G. Dux das Inzestverbot soziologisch aus dem Enkulturationsprozess.

 

Eine empirische Analyse der Sexualkultur wird mindestens die folgenden Dimensionen ins Auge fassen: Weltanschauung (Sexualideologien und Religion, soziologisch wohl untersucht sind Keuschheitsgelübde und Pflicht- beichte); Familismus (insb. Fortpflanzung und Sozialisation des Nachwuchses); Beziehungsform (Liebe, Ehe, Reine Beziehung – ein Begriff von A. Giddens – sowie Abenteuer); Geschlechterdualismus (heterosexueller Standard, männliche Prägung unserer Sexualkultur, gleichgeschlechtliches Begehren, transgeschlechtliche Phänomene); Privatheit (Scham und Peinlichkeit, desexualisierte Organisation); Normalismus (das Normale als Institution, das Anomale als Perversion, Verhandlungsmoral – ein Begriff von G. Schmidt).

 

Der gesellschaftliche Wertewandel findet in der S. stets einen prägnanten Ausdruck. Für einige Indikatoren (Ein- stellungen gegenüber früher verpönten Verhaltensweisen wie außereheliche, gleichgeschlechtliche und käufliche S.) liefern gesellschaftsvergleichende Daten die Basis für sozialstrukturelle Erklärungen, etwa zum Postmaterialis- mus (R. Inglehart).

 

5. Soziologische Zeitdiagnosen zur S.

 

Medien und Öffentlichkeit fragen die grundlegenden Theorien der Soziologie bzw. Resultate der empirischen Sozialforschung zur S. weniger nach als griffige Stellungnahmen zu beunruhigenden Ereignissen und vermuteten Tendenzen. Durchaus lassen sich die Themen seriös kommentieren, sofern die analytische Distanz eingehalten wird. Soziologisch zu bearbeiten sind beispielsweise folgende Themen: das Verhältnis der sogenannten sexuellen Revolution zum soziosexuellen Wandel; die Problematisierung der S. durch Skandale, Moralpaniken und Kulturkriege; die Spannung zwischen sexueller Liberalisierung und Optionalisierung einerseits, Gemeinwohl und intimer Bürgerschaft (citizenship) andererseits. Insgesamt findet die Soziologie der S. ein überaus umfangreiches, noch nicht ganz durchmessenes Forschungsgebiet vor. Dabei kann sie mit anderen Fächern – etwa Geschichte, Ethnologie, Philosophie, Psychologie – kooperieren, diese bleiben ihrerseits stark auf gesellschaftsanalytische Konzepte angewiesen.

 

Literatur

 

Davis, Murray S.: Smut. Erotic Reality/Obscene Ideology, Chicago 1983.

 

Dux, Günter: Geschlecht und Gesellschaft, Frankfurt/M. 1994.


Foucault, Michel: Sexualität und Wahrheit, drei Bände, Frankfurt/M. 1977-1984.

 

Giddens, Anthony: Wandel der Intimität, Frankfurt/M. 1993.


Lautmann, Rüdiger: Soziologie der Sexualität. Erotischer Körper, intimes Handeln, Sexualkultur, Weinheim 2001.


Schelsky, Helmut: Soziologie der Sexualität, Reinbek 1955.


Schmidt, Gunter: Sexuelle Verhältnisse, Reinbek 1998.

Rüdiger Lautmann

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