Sexualität – soziokulturell

Rüdiger Lautmann - Spektakel der Verführung, riskantes Begehren from piclet.org on Vimeo.

 

 In einer Reihe von Artikeln und Vorträgen aus den letzten Jahren befasste ich mich mit Fragen zur

Sexual Diversity. Kultur und Politik der Vielfalt.

Meine aktuellen Publikationen:

 

Ausführliche Rezension eines Lehrbuchs zur Geschlechtersoziologie:

Geschlechter – wenn überhaupt, wie viele? In: Soziologische Revue 37, S. 140-147, 2014.

 

Sexualforschung kann die Wirklichkeit verändern. In: Profamilia Magazin 41, Nr. 2, S. 4-6, 2013.

 

Artikel »Gesellschaftliche Normen der Sexualität«. In: Renate-Berenike Schmidt, Uwe Sielert, Hgb., Handbuch Sexualpädagogik und sexuelle Bildung, 2. überarb. Aufl., Weinheim (Beltz Juventa), S. 205-219, 2013.

 

mit Manfred Herzer: Salut für die Perversion? Entpathologisierungen im Bereich des Sexuellen. In: Angela Taeger, Hgb.: Diagnose: krank, Prognose: ungewiss. Frankfurt/M. (Referenz-Verlag), S. 173-212, 2013.


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Sexualsoziologische Themen bilden seit Mitte der 1980er Jahre den Hauptinhalt meiner Arbeit. Ein Beispiel ist mein Vortrag, gehalten bei der Vernissage der Ausstellung »Spektakel der Verführung – Riskantes Begehren« im Oktober 2009 in Berlin. Er wurde auf Video aufgezeichnet, das sich hier angucken lässt:

 

Diversität meint die Verflechtung mehrerer kultureller Bedeutungssysteme. Das Thema taucht in zahlreichen Formulierungen auf (auch wenn nicht alle dasselbe meinen): Differenz, Unterschiede, Vielfalt, Pluralität, Mannigfaltigkeit, Andersheit, Alterität, Heterogenität, Multikulturalität, Intersektionalität u.a. Zunehmend erscheinen dazu Publikationen, meist zur ethnokulturellen und Gender-Differenz.

 

Außer in ethnischer und nationaler Hinsicht unterscheiden sich Menschen in vielen anderen Dimensionen: religiös, ökonomisch, intellektuell, kulturell, generationell, geschlechtlich. Im Bereich Gender und Sexualität führt das Wort die angewandte Frauenforschung der zweiten Generation. Die Sexualpräferenz rangiert auf einem hinteren Platz der Aufmerksamkeit. Die Diversity Studies attackieren indessen der Idee nach sämtliche hierarchischen Differenzierungen, die sich an eine vermeintliche Überlegenheit vorgegebener Normalitäten knüpfen. Mit den »besonderen« Geschlechtern und Sexualitäten ist es wie mit den »Fremden«: Nur auf eine höchst prekäre Weise finden sie ihre Stellung in einer Gesellschaft, die von »Eigenen« und »Normalen« dominiert ist.

 

In einem früheren Buch versuchte ich eine ausführliche Gesamtdarstellung des soziologischen Wissensstandes:

Soziologie der Sexualität.

Erotischer Körper – intimes Handeln – Sexualkultur.

Der Band hat Lehrbuchcharakter und gehört zur Reihe »Grundlagentexte Soziologie« (Hgb. Klaus Hurrelmann, Juventa Verlag, 2002). Er umfasst 545 Seiten.

Im übrigen ...

Den verschiedenen Sexualformen hat man sich meist von den Rändern und Problemen her genähert – von den Abseiten gewissermaßen. Auch ich habe einmal so angefangen und begann mit Forschungen zur Homosexualität (siehe dazu eine spätere eigene Seite) und zu allerlei anderen verpönten Verhaltensweisen. Auch die »normale« Alltagssexualität ist in ein Korsett von Normen, Deutungen, Befürchtungen und Gewohnheiten eingeschlossen. Dem soziologischen Blick fiel hier zunächst einmal auf, dass in unserer Kultur die Begehrensäußerungen prinzipiell problematisiert werden; vgl. dazu mein Buch: »Der Zwang zur Tugend. Die gesellschaftliche Kontrolle der Sexualitäten«. Frankfurt a.M. (Suhrkamp), 262 S., 1984.


Als am Ende der 1980er Jahre obszöne Stoffe sexualpolitisch hoch im Kurs standen (PorNO!), veröffentlichte ich mit Michael Schetsche dazu ein Buch »Das pornographierte Begehren«. Frankfurt a.M. (Campus), 239 S., 1990. Die Problemwelle ebbte wieder ab; letztlich hat sie, natürlich wider Willen, aber voraussehbar, das Genre ungemein gedüngt.

 

In den späten 1980ern starteten wir eine empirische Erhebung zum Thema Pädophilie; dieses Thema steht bis heute hoch im Kurs. Unser Projekt bezog sich auf jene Teilgruppe von Männern, die sich ausdrücklich nicht als Missbraucher und Straftäter sehen, sondern behaupten, eine Liebesbeziehung mit Jüngeren einzugehen. Der Sprachgebrauch der damaligen Zeit unterschied zwischen dem eindeutig abscheulichen Missbrauch einerseits und einer wenig bekannten Pädophilie im engeren Sinne andererseits. Diese Unterscheidung beherrschte die Sexualwissenschaft seit deren Entstehung zu Ende des 19. Jahrhunderts. Dass der Missbrauch auf Gewalt und Ausbeutung beruht, stand außer Frage. Nichts aber war bekannt über die (zahlenmäßig wenigen) Männer, die sich davon abgrenzten und meinten, ein auf Zuneigung gegründetes und für die Kinder vorteilhaftes Verhältnis eingehen zu können. Mit Zustimmung damals namhafter Sexualforscher (z.B. Eberhard Schorsch) und Finanzierung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft haben wir dann Anfang der 1990er Jahre eine sexologisch-kriminologische Untersuchung durchgeführt.

 

Wir suchten Interviewpartner im sogenannten Dunkelfeld auf, also solche Interviewpartner, die uns nicht als verurteilte Straftäter oder in psychiatrischer Therapie bekannt wurden. Der Versuch, auch pädophile Frauen für ein Interview zu gewinnen, scheiterte an deren Vorsicht, obwohl sich erste Kontakte ergeben hatten. Zur Auswertung der Ergebnisse sind mehrere Buchveröffentlichungen entstanden. Selber nahm ich mir den diffizilsten Aspekt vor, der mich an dem Projekt fasziniert hatte: Inwiefern kann es Männer geben, die sich von einem Kinde sexuell angezogen fühlen? Die also einem Begehren folgen, das mir selbst unbegreiflich ist. In der Sexualwissenschaft gab es dazu keine Studien. Ich fand heraus, dass unsere Befragten eine festumrissene Präferenz zeigen, die ein bestimmtes Wissen über das mögliche Vorgehen sowie die Freiwilligkeit umschließt. Insofern bildete diese Teilgruppe der Pädophilen eine eigenständige »Sexualform« aus, anders als die Ersatztäter (welche den richtigen Weg zu einer Partnerschaft scheuen und ein wehrloses Objekt wählen) oder gar die sadistischen Täter.

 

Unsere Untersuchungsgruppe (geschätzter Anteil an den Missbrauchstätern: 5 %) war als »modelliert pädophil« zu charakterisieren. Ihnen stand, nachdem sie die Form ihres Wunsches erst einmal strukturiert hatten, ein recht genaues Begehrensobjekt vor Augen; es differenziert nach Geschlecht und Alter des »idealen Kindes«. Beredt gaben sie an, wovon sie erotisch angesprochen werden und warum sie das bei erwachsenen PartnerInnen trotz aller Versuche nicht haben finden können. Solche Begehrensbilder haben sich historisch erst seit Ende des 19. Jhdts. herausdifferenziert, als sich im biographischen Alltagswissen die Lebensphasen Jugend und Kindheit voneinander trennten. Anders als zuvor sind heute die Neigungen zu Heranwachsenden (Ephebophilie), zu Angehörigen desselben Geschlechts (weibliche und männliche Homosexualität) und eben jene modellierte Pädophilie deutlich voneinander getrennt – eine möglicherweise vorübergehende Erscheinung innerhalb der westlichen Moderne, die der Kindheit einen besonderen Sinn (Unschuld, Hoffnungsträger usw.) zugewiesen hat.

 

Die Untersuchung war in den 1980er Jahren konzipiert worden, als man das Sexuelle unter einer anderen Perspektive als heute betrachtete. Inzwischen ist der Drang zur Liberalisierung vorbei, längst werden andere Prioritäten und Wertungen gesetzt. Mein Büchlein »Die Lust am Kind. Porträt des Pädophilen« (Hamburg, Ingrid Klein Verlag, 144 S., vergriffen) erschien 1994 zur Unzeit.
Zwar lauteten die Fachkritiken zunächst positiv, aber in der interessierten Öffentlichkeit wurde die Interpretation der Befragung öfter missverstanden. Nach dem Fall Dutroux in Belgien (1996) breitete sich eine starke öffentliche Erregung aus. Selbst die kritische Sexualwissenschaft hat ihre Position – manches libertäre Zitat ließe sich anführen – stillschweigend korrigiert. Das Sexualstrafrecht setzt seit Mitte der 1990er kontinuierlich auf Verschärfungen (vgl. dazu mit Daniela Klimke: Die neoliberale Ethik und der Geist des Sexualstrafrechts, in: Zeitschrift für Sexualforschung 19, S. 97-117, 2006).

 

Die Kritik an jener Studie (und damit an mir als dem Autor) habe ich durch unklare und saloppe Formulierungen mit verursacht. Manches wurde aber auch grob missverstanden. Als Sozialforscher habe ich das Vorgehen in der Untersuchungsgruppe beschrieben; einige aber fanden nun, ich hätte da etwas verharmlost. Sich von den Befragten zu distanzieren, sie moralisch abzuqualifizieren – das ist in meinen Augen nicht Aufgabe eines empirisch-sozialwissenschaftlichen Forschens und würde dieses Instrument der Soziologie bald unbrauchbar machen. Es liegt mir selbstverständlich fern, psychische Schäden zu leugnen; den Inhalt unserer Untersuchung aber bildeten nun einmal die pädosexuellen Täter und nicht Kinder. Ich habe das Ganze, für meine Seite abschließend, später noch einmal dargestellt und dabei eine etwas andere Brille aufgesetzt. Und zwar in einem Beitrag für das »Handbuch Sexueller Missbrauch«, hgb. von K. Rutschky/R. Wolff, Taschenbuch-Ausgabe (nur dort!) bei Rowohlt 1999, S. 182-198: »Das Szenario der modellierten Pädophilie«.

 

Die Publikation »Die Lust am Kind. Porträt des Pädophilen« hat sich für die Debatte um die Sexualverhältnisse nicht gerade als hilfreich erwiesen. Wenn Gefühle verletzt wurden, dann wollte ich dazu nicht weiter beitragen. Daher habe ich das Buch zurückgezogen, d.h. auf eine Neuauflage und jegliche andere Form einer Veröffentlichung verzichtet.

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© Rüdiger Lautmann